Von schüchternen …

Aus dem Buch: Von schüchternen Schnüfflern und schnüffelnden Schnauzen

Kleine Ursache, große Wirkung

Das was alles bestimmt ist Chaos. Das ist reine Physik und was in der Natur gilt, gilt auch unter Menschen! Der Flügelschlag eines Schmetterlings in China kann in Amerika einen Sturm verursachen. Ein belanglos dahergesagtes Wort ein tödliches Verbrechen!
Mathias Schleich hörte sich gerne reden. Seine Vermischung von physikalischen Theorien mit menschlichen Verhaltensweisen wurde von all seinen Mitarbeitern gefürchtet. Schleich wusste das, aber es war ihm egal. Was an diesem Tisch geredet wurde, entschied er. Jedes Mal, wenn er etwas getrunken hatte, begann er mit dem immer gleichen Thema. Chaostheorie.
Mathias Schleich konnte sich der Aufmerksamkeit aller sicher sein. Er war ihr Chef und eine winzige unpassende Bemerkung oder ein Lächeln zum falschen Zeitpunkt konnten unweigerlich zur Entlassung führen. Kleine Ursache, große Wirkung! Praktizierte Chaostheorie.
Schleich liebte derartige Firmenpartys. Seine Mitarbeiter waren abhängig von ihm. Er genoss diese Art Macht.
Egon Weber hörte wie alle Anderen Interesse heuchelnd zu. Er konnte es sich nicht leisten, diesen Job zu verlieren. Er hatte vor drei Jahren geheiratet und ein Jahr später war er Vater geworden. Es ging ihnen nicht schlecht. Im Prinzip hatten sie sogar einen beruhigenden Wohlstand. Zumindest solange er diesen Job hatte.
Vor einem Jahr währe er fast entlassen worden. Warum er letztendlich seine Sachen nicht packen musste, obwohl doch sein Fehler verhältnismäßig groß war, hatte er nie so richtig verstanden. Andere hatten viel eher ihren Hut nehmen müssen. Programmierer gab es wie Sand am Meer und mit fünfunddreißig, begann man in der Branche als alt zu gelten.
Ein schrilles Kreischen, das in albernes Lachen überging, ließ die anderen Gäste der Gaststätte aufblicken. Die Stimme gehörte Renate, der Sekretärin von Mathias Schleich. Alle nannten sie nur Renate, als wäre sie keine Person, sondern ein Vorgang. Ein Vorgang mit einem Kataloglächeln, langen Fingernägeln und einer Kleinmädchenhandschrift, die selbst den wichtigsten Notizen etwas Verspieltes gab. Renate hatte eine leichte Röte auf den Wangen und schien tatsächlich zu schwitzen. Eigentlich konnte niemand genau sagen, ob sie Frivolitäten mochte oder ob es Bestandteil ihres Arbeitsvertrages war, entsprechende Schlüpfrigkeiten durch lautes hochtöniges Lachen zu begleiten. Ihr Chef jedenfalls war zufrieden. Er hörte sich gerne reden.
„Also würde man aus einer definierten Höhe, aus einem Sektglas, einen definitiv gleich großen Tropfen des edlen Gesöffs auf den höchsten Punkt einer Brustwarze tröpfeln, es wäre unberechenbar, welchen Weg er beim herunterfließen nehmen würde. Das ist Chaos!“
Wieder kreische Renate. „Das möchte ich sehen“, rief sie albern und fügte sicherheitshalber noch dazu: „Ich meine ja nur mal so theoretisch.“
Ein paar der Kollegen lachten. Es war eine lustige Runde. Auch Egon Weber lächelte. Er bemühte sich zumindest. Lieber wäre er zu Hause geblieben. Er liebte seine Frau und einen Abend ohne sie empfand er als Verlust.
Egon Weber trank kaum Alkohol, allerdings war die Feier im nüchternen Zustand kaum zu ertragen. Einzig die Kollegen zu beobachten war interessant. Einige versuchten, eine gute Miene zu machen, andere legten sich ziemlich ins Zeug, um beim Chef einen positiven Eindruck zu hinterlassen. Nur wenige verhielten sich ruhig. Zu den wenigen zählte er. Feiern dieser Art konnten ihn gestohlen bleiben. Und immer war er für die Aufräumungsarbeiten verantwortlich. Sein Chef verabschiedete sich regelmäßig gegen 22 Uhr. Bis Mitternacht wurde meistens gefeiert.
„Dass mir keiner früher geht”, war sein lapidarer Kommentar. „Früher gehen ist ein Kündigungsgrund, Kollegen. Ihr wisst doch: Kleiner Fehler, große Wirkung. Chaos, Kollegen! Nichts als Chaos.”
Also blieben alle, unterhielten sich artig und schauten zuweilen verstohlen auf die Uhr.
Renate kicherte. Einige Kollegen hauten sich begeistert auf die Beine. Die Stimmung war auf ihrem Höhepunkt.
Mathias Schleich formte mit seinen Händen und das, was er formte, konnte sich jeder gut vorstellen.
„Also, so eine Brust, also ich meine eine wohlgeformte, feste, gleichmäßige Brust …”
Wieder kreischte Renate, allerdings klang es ein klein wenig unsicherer.
„… also, so eine richtig runde feste Brust. Na ihr wisst schon, was ich meine!”
Ein wohlwollendes Brubbeln ging durch den männlichen Teil der Feier. Man wusste, was er meinte.
„Kein Tropfen ist berechenbar. Egal wie gleichmäßig, wie oft man auf den Nippel tröpfelt. Es lässt sich nicht berechnen. Das ist Chaos in seiner schönsten Form! Kleinste Härchen oder Unebenheit, ein Atemzug, ein Pulsschlag, ein leichtes Frösteln, selbst ein winziger weißer Fleck auf der Haut oder ein Beben der Lust. Alles unkalkulierbare Faktoren.”
Wieder kichern. Mathias Schleich war in seinem Element. Er schaute in die Runde. Er genoss die Angst seiner Untergeben. Es amüsierte ihn, wie sie sich ihm unterordneten. Ein bisschen verwundert stellte er allerdings fest, dass Egon Weber einfach aufgestanden war. Darüber würde noch zu reden sein, dachte er. Aber nicht mehr heute. Er schaute auf seine Uhr.
„Zeit für mich zu gehen! Bis 24 Uhr ist Arbeitszeit, Kollegen. Ach ja, sagt Weber, wenn er vom Pinkeln kommt, dass hier ist eine Betriebsfeier, kein Wandertag.“

Es war kalt draußen. Ein paar Schwibbögen standen in den Fenstern und strahlten ihr müdes Licht auf die Straße. Bald würde Weihnachten sein. Mathias Schleich zündete sich eine Zigarette an. Er hatte noch gut zwei Stunden Zeit. Wenn nicht sogar drei. Er fühlte sich inspiriert von seinen Gedanken. Er zog genüsslich an seiner Zigarette.
Der Schlag mit der Eisenstange traf ihn völlig unvorbereitet. Er hatte sofort das Gefühl, sein Rücken wäre diagonal aufgeplatzt. Er stürzte zu Boden und krümmte sich vor Schmerz. Das er nicht das Bewusstsein verlor kam einem Wunder gleich. Mühsam schaute er auf und konnte trotz der Schmerzen sein Staunen nicht verbergen.
„Weber sie? Was wollen sie?“
„Alles Chaos! Stimmts Chef? Kleine Ursache, große Wirkung!“
„Was? Ich versteh nicht?“
„Einen weißen Fleck auf der Haut, auf einer ideal geformten Brust, nennt man Pigmentfehler. Die Haut ist dort weicher. Selbst beim Duschen bleibt diese Stelle trocken. Ich fand das schon immer faszinierend!”
Mathias Schleich begriff sofort seinen Fehler. Eine winzige Unachtsamkeit.
„Weber, machen Sie keinen Quatsch! Ihre Frau hat Ihnen Ihren Job gerettet!“
Der Schlag löste nur ein dumpfes brechendes Geräusch aus, als würde man einen Kürbis spalten.
Weber grinste. Zum ersten Mal hatte er das physikalische Prinzip wirklich verstanden.
Nur ein kleiner Tropfen. Chaos halt.

Dosse Verlag

Von schüchternen Schnüffler und schnüffelnden Schnauzen

- Neue mörderische Kurzgeschichten -
Taschenbuch, 88 Seiten, 19 x 12 cm
ISBN 978-3-9811279-1-1

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