Von dunklen …

Aus dem Buch: Von dunklen Augen und dunklen Seiten

Sein letzter Wunsch

Ernesto Montoya Gomez war nach einem erfüllten Leben friedlich und ohne Reue verstorben. Sein letzter Wunsch war es allerdings, in Torres del Carrizal, jenem spanischen Dorf begraben zu werden, in dem er vor über achtzig Jahren geboren worden war und von dem er ein Leben lang in Argentinien geträumt hatte. Seine Frau, eine gebürtige Argentinierin, war schon vor Jahren gestorben und für den Rest ihrer Familie war Ernesto bedeutungslos. Allerdings respektierten sie seinen letzten Wunsch, seiner spanischen Familie möglichst nahe zu sein.

Doch die Überführung der Urne bereitete seinen argentinischen Verwandten erhebliche Kopfschmerzen, denn die amtlichen Erwartungen und finanziellen Belastungen überforderten ihre Möglichkeiten.

Schließlich versendeten sie ihn, gut getarnt, zwischen diversen Bohnen-, Rindfleisch- und Kaffeedosen, Gewürzmischungen und Keksen per Post. Sie schrieben ein paar freundliche Grüße, frankierten das Paket ausreichend und brachten es auf den Weg. Darüber, dass keine Zeile über den Verstorbenen formuliert wurde, um nicht den Zoll auf den rechtswidrigen Versand Ernestos aufmerksam zu machen, waren alle einer Meinung. Man würde einen Brief schreiben. Nur wer in verfassen sollte, darüber waren sie sich noch nicht einig.

In dem kleinen spanischen Dorf konnte sich niemand aus der Familie Gomez erinnern, jemals ein Paket aus Argentinien bekommen zu haben. Egal, selbst die entferntesten Verwandten waren ihnen heilig, Dankbarkeit etwas Selbstverständliches.

Die Familie organisierte eine kleine Fiesta, trank auf das Wohl der lieben Verwandten, auf ihre Großzügigkeit und dass Gott sie beschützen möge, auch wenn die Geschenke nicht unbedingt ihren Erwartungen entsprachen. Das Rindfleisch war fad, die Bohnen geschmacklos, die Gewürzmischung überlagert und die Kekse hatten ihre beste Zeit längst hinter sich. Auch der Kaffee war selbst mit viel Zucker und Milch kaum zu ertragen. Aber es waren Geschenke der Verwandten und alle waren dankbar und fanden nur Worte des Lobes.

Wenige Tage später, Maria Montoya Gomez hatte sich mit ihrem café con leche wie jeden Tag zur Siesta zurückgezogen, erreichte sie der Brief aus Argentinien. Erstaunt holte sie ihre Brille, trank noch schnell den letzten Schluck Kaffee und setzte sich in den Schatten der Weinreben.

Nachdenklich las sie vom Tod des fernen Verwandten und seinem Wunsch, der Familie möglichst nahe zu sein. Auf die Wurzeln seiner Familie und der Heimat wäre er immer sehr stolz gewesen. An der Stelle, an der mitgeteilt wurde, dass aus pragmatischen Gründen der Verstorbene, Gott schütze ihn, in einer Kaffeedose versendet worden war, starrte sie entsetzt auf ihre leere Tasse. Fassungslos wischte sie den letzten Schaum von der Oberlippe.

Für Ernesto Montoya Gomez erfüllte sich sein letzter Wunsch. Allerdings war er seiner Familie näher, als er es sich jemals erträumt hatte.

Dosse Verlag

Von dunklen Augen und dunklen Seiten

- Weitere mörderische Kurzgeschichten -
Krimi, Broschiert, 89 Seiten
ISBN 978-3-9811279-8-0