Von perfekten …
Aus dem Buch: Von perfekten Gastgebern und perfekten Morden
Wer einmal lügt
„Wie kommen sie darauf, dass ihr Nachbar …? Wie war sein Name?“
„Opitz! Mozartstraße 7, im Musikerviertel.“
„Ja richtig. Wie kommen sie darauf, dass er seine Frau umgebracht hat?“
Die Stimme des Kriminalbeamten war ungehalten. Aber Frank Buchmann ließ sich davon nicht einschüchtern. Er wusste, was er wusste. Er würde nicht eher Ruhe geben, bis sie einen Beamten bei Opitz vorbeischicken würden, der seine Beobachtungen sicherlich bestätigt finden würde.
„Frau Opitz ist seit drei Tagen verschwunden. Ich sehe sie sonst jeden Morgen am Zeitungskiosk. Sie holt sich jeden Tag ein Rätselheft, und am Montag lässt sie ihren Tippschein durchlaufen, um sich einen eventuellen Gewinn auszahlen zu lassen.“
Zufrieden mit sich strich Buchmann über seinen Bauch und nippte an seinem Beruhigungstee. Nach seiner letzten Herzattacke hatte ihm der Arzt gesagt, dass ihn Kaffee und Weinbrand innerhalb kürzester Zeit in die Waagerechte bringen würden. Wenn er vorhabe, den Platz neben seiner Frau auf dem städtischen Friedhof möglichst schnell einzunehmen, sollte er nur weitermachen wie bisher. Außerdem sollte er sich etwas suchen, was seinen Tag ausfüllt; lesen, spazieren gehen, sich einem anderen Menschen zuwenden. Seitdem trank Frank Buchmann verschiedene Gesundheitstees und beobachtete argwöhnisch alle Nachbarn.
„Herr Buchmann! Sind sie sich sicher? Das ist ein schwerer Vorwurf“, versuchte es der Beamte erneut.
„Ja, ich bin mir absolut sicher. Ich verstehe ihre Zweifel überhaupt nicht.“
Einen Augenblick war es ruhig. Offensichtlich übte sich der Kriminalbeamte in Geduld.
„Wären sie so freundlich, mir ihr Alter zu verraten?“, fragte er höflich.
Sie glaubten ihm nicht. Sie hielten ihn für einen alten, senilen Trottel. Aber Frank Buchmann hatte nichts anderes erwartet.
„Was soll diese Frage?, erwiderte er mit leicht ungehaltenem Unterton.
„In der letzten Woche haben sie uns einen Selbstmordattentäter gemeldet. Erinnern sie sich? Der Mann kam von den Stadtwerken und hat eine Luftmessung vorgenommen. Das Gerät auf seinem Rücken, das nach ihrer Interpretation eine Bombe gewesen sein sollte, war lediglich eine elektronische Messeinrichtung.“
Buchmann kratzte sich verlegen am Kopf.
„Das war ein Irrtum. Es hätte doch aber sein können. So etwas passiert andauernd.
„Ein paar Wochen vorher haben sie den ganzen Ort verrückt gemacht, weil sie fest davon überzeugt waren, eine der Milchflaschen wäre mit Formaldehyd versetzt. Von den Diebstählen und vermeintlichen Entführungen will ich gar nicht reden.“
„Maria ist jeden Montag um zehn am Kiosk und lässt ihren Lottoschein prüfen.“
„Maria?“
„Ja, Maria Opitz.“
„Sie kennen sich näher?“
„Nein, ich kenne nur ihren Namen. Während wir hier sinnlos unsere Zeit vergeuden, beseitigt dieser Verbrecher alle Spuren.“
Buchmann begann sich langsam, über den uneinsichtigen Beamten zu ärgern.
„Vielleicht ist sie verreist oder krank. Vielleicht ist etwas dazwischen gekommen, und sie ist später zum Kiosk gegangen. Oder vielleicht hat sie einfach keine Lust gehabt“, gab der Beamte zu bedenken.
„Sie ist eine sehr höfliche und freundliche ältere Dame. Sie hat Prinzipien. Und gestatten sie mir, wenn ich das sage, wir führen seit fast zwei Jahren jeden Tag eine kleine und sehr angenehme Konversation, zumeist über Alltäglichkeiten oder über die Launen des Glücks. Es mag in ihren Ohren albern klingen, aber die Freude unserer Begegnung war gegenseitig. Ich habe mich erkundigt. Maria Opitz war weder am Montag noch am Dienstag am Kiosk.“
Auf der anderen Seite der Leitung atmete es schwer. Der diensthabende Polizist schien etwas ratlos zu sein. Eine Weile überlegte er, bevor er erneut versuchte, den alten Mann von seiner Idee abzubringen.
„Sie sind sich also sicher, dass Herr Opitz seine Frau umgebracht hat. Können sie mir sagen, warum er das getan haben sollte? Ich meine, er müsste doch ein Motiv haben?“
„Ich denke, sie hat im Lotto gewonnen, und ihr Mann will das Geld für sich alleine haben. Ich glaube, das Motiv ist Habgier. Habgier oder Geldgier? Ich weiß nicht, wie sie dazu sagen. Sie müssen den Mann festnehmen.“
„Ihr Verdacht ist durch nichts begründet. Sie können nicht einfach behaupten …“
„Ich habe auf ihrer Terrasse einen Sack Kalk stehen sehen“, unterbrach er ungehalten den Beamten. „Kennen sie den Garten der Opitz? Der Mann ist ein Vollblutgärtner. Er ist ein passionierter Rhododendrenzüchter. Seitdem er Rentner ist, kennt er nur noch seine Rhododendrenbüsche. Kalk ist das Letzte, was diese Pflanzen vertragen. Sie brauchen sauren, humusreichen Boden. Kalk bringt sie um!
„Beim besten Willen, Herr Buchmann, ich kann einen Menschen nicht verhaften, nur weil sein Nachbar aus Langeweile mit der Polizei plauschen will. Sollten sie in den nächsten Tagen feststellen, dass Frau Opitz wirklich nicht wieder auftaucht, rufen sie uns noch einmal an. Dann legte der Beamte grußlos und entnervt den Hörer auf.
Frank Buchmann schaute ungläubig auf sein Telefon. Aber es war niemand mehr zu hören. Enttäuscht lehnte er sich zurück und schaute auf den inzwischen kalt gewordenen Tee. Es war ein Mord geschehen. Doch offensichtlich war er schon zu alt, als dass man ihm glaubte. Schon längere Zeit spürte Buchmann tief in seinem Inneren, dass er sich zu der Frau hingezogen fühlte. Auch wenn sie nie mehr als ein paar Worte gewechselt hatten, er hatte sich jeden Tag wie ein Jungverliebter auf diese Begegnung gefreut. Dass dies nicht mehr stattfinden sollte, machte ihn wütend. Wenn schon die Polizei nicht bereit war, den Mörder zur Verantwortung zu ziehen, er würde es tun.
Längst waren die letzten Bewohner des Ortes schlafen gegangen, als Frank Buchmann, bewaffnet mit einem Spaten, einer Taschenlampe und seinem Fotoapparat, die kleine Pforte zum Garten der Familie Opitz öffnete. Nur die Geräusche der Nacht waren zu hören und sein schwerer Atem, der sich nicht beruhigen wollte. Er schlich durch die mannshohen Rhododendrenbüsche und tastete vorsichtig den Boden ab. Er ließ sich Zeit und vermied jede hektische Bewegung. Schließlich fand er, was er suchte. Der Boden war erst vor kurzem ausgehoben worden und nur notdürftig verdichtet. Aufgeregt wischte Buchmann den Schweiß von seiner Stirn und schaute sich noch einmal ängstlich um. Es war ruhig. Dann begann er zu graben.
Die Leiche war in ein Bettlaken gewickelt, mit Kalk bestreut und höchstens einen halben Meter in der Erde verscharrt. Er hatte Recht. Jetzt würden sie ihm glauben müssen. Mit zitternder Hand nahm er seinen Fotoapparat. Nur ein Bild würde er machen. Ein einziges Bild, das alles beweisen würde. Mit der freien Hand zog er der Leiche das Laken vom Kopf. Aber statt in das vertraute Gesicht Marias zu sehen, starrte er in die toten Augen ihres Mannes.
Am nächsten Tag nahm der diensthabende Polizeibeamte nur widerwillig das Telefongespräch entgegen, während die anderen genussvoll ihre Frühstücksbrote aßen und sich köstlich über die Verzweiflung des Kollegen amüsierten.
„Buchmann am Apparat. Wir hatten gestern miteinander gesprochen. Sie erinnern sich?“
„Ich erinnere mich. Welches Kapitalverbrechen darf es denn heute sein?
„Ich möchte einen Mord melden. Ich habe Herrn Opitz getötet! Erschlagen mit einem Spaten! Aus Eifersucht!“
„Herr Buchmann, es reicht. Erst erzählen sie mir, dass Frau Opitz tot ist. Ich Idiot glaube ihnen auch noch und statte der ahnungslosen Frau einen Besuch ab. Für wie dumm halten sie mich eigentlich. Unterlassen sie diese Spielchen, oder ich sehe mich gezwungen, sie wegen ungebührlichen Verhaltens vor Gericht zu bringen.
Buchmann hielt den Telefonhörer in sicherer Entfernung. Als endlich die Stimme am anderen Ende der Leitung schwieg, legte er den Hörer leise auf die Gabel. Ein Lächeln nistete in seinem Mundwinkel, als Maria ins Zimmer kam. Sie legte zwei Flugtickets auf den Klubtisch und setzte sich neben ihn auf das Sofa. Glücklich nahm er ihre Hand.
„Du hattest Recht, sie glauben mir kein Wort.”
Von perfekten Gastgebern und perfekten Morden
- Mörderische Kurzgeschichten -
Krimi, Broschiert, 88 Seiten
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